2011

Tough Guy Marathon. Ein Kampf mit Happy End.

26. April, 10.30 Uhr. Startschuss zu meinem emotionalsten Hinderninslauf-Erlebnis. Vorab gilt mein Dank allen Helfern und TG-Marshalls, ohne deren Support ich den Kampf gegen das 42-Kilometer Monster, den Tough Guy Marathon nicht gewonnen hätte.

Der Tough Guy Marathon besitzt einen ganz eigenen Charakter

Tough Guy Marathon 2015, StartbereichWo im Januar die Wasserlöcher gut gefüllt sind, die Läufer vor Kälte reihenweise ausfallen fand ein Rennen mit einem ganz eigenen Charakter statt. Der Tough Guy Marathon. Eine 42 Kilometer Herausforderung, die mit dem Original Tough Guy Race wenig gemeinsam hat. Eine Strecke, die auf den ersten Blick harmlos anmutete, zeigte ihre Tücken erst im Laufe des Rennens. Zwei Runden zu 10,5 Kilometer, 3 Runden zu je 7 Kilometern die „lediglich“ durch die Killing Fields führten.

Bei rund 10 Grad Celsius, Sonnenschein und windigen Böen stand ich vor der Entscheidung: Welche Klamotten ziehst Du an? Nach dem Erlebnis beim Strong Viking Obstacle Run, wo ich gefühlt zu leicht bekleidet war, wollte ich dieses Mal die richtige Wahl treffen. Zumal ich nicht wusste, wie sich die Klamottenauswahl auf die Marathondistanz auswirken würde. Schließlich entschied ich mich für ein langärmliges Kompressionsshirt, darüber ein leichtes Langarmlaufshirt und mein TTFC-Shirt. Lange Hose und Kompressionssocken für die Beine schienen die beste Wahl. Nach dem Rennen kann ich sagen, dass es für mich die richtige Kombination war. Anfangs hatte ich das Gefühl, dass ich viel zu warm angezogen war. In der zweiten Hälfte des Rennens läuft man aber Gefahr auszukühlen. Dafür sorgte der permanente Wind, der sich bei abnehmenden Temperaturen immer kälter anfühlte.

Start in ein Abenteuer mit Langzeitwirkung

Pünktlich um 10.30 Uhr ging es dann für die Halb- und Marathonläufer auf die Strecke. Der erste Hammer, zunächst unscheinbar wirkende Hammer, kam direkt nach dem Start. „Rabbit Hill“, ein harmloser Name für einen kräftezehrenden Slalom am Hang. Über eine Distanz von 3 Meilen mussten wir 20 Mal einen Hügel rauf und wieder runter. Das ging in die Oberschenkel. Und um es nicht zu einfach zu gestalten wurde zu Beginn des Slaloms bergauf ein Netz gespannt, das lose auf dem Boden lag. Unter diesem musste man durchkriechen. Überhaupt. Die Netze. Ein Hindernis, das harmlos wirkt, was es aber nicht ist. Ein Netz von der ungefähren Größe eines Fußballnetzes bringt schon einige Kilo auf die Waage, insbesondere dann, wenn eine einzelne Person unter ihm hindurch kriechen muss. Beim Original Tough Guy sind aufgrund der großen Teilnehmeranzahl oft mehrere Personen gleichzeitig unter dem Netz, sodass sich die Last auf mehrere Läufer verteilt. Bewältigt man die Aufgabe aber lediglich als Einzelperson, so wird sie um einiges schwerer. Man verheddert sich leichter in den Maschen und das Gewicht wird deutlich spürbar.

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Nach dem „Rabbit Hill“ befand sich die erste Verpflegungsstation an der Wasser, Marshmallows und Powerriegel gereicht wurden. Danach führte die Strecke weiter zum „Elephant Graveyard“ wo ein Stromhindernis und die ersten Wasserhindernisse warteten. Weiter durch den „Bear Wood“, wo neben leichten Kletterhindernissen eine grössere Anzahl an Netzen zwischen diesen ausgelegt waren. Hier galt es den richtigen Rhythmus zu finden, wobei ich die Netze als Einzelkämper rückwärts laufend anging. Das erleichterte das Durchkommen um einiges. Der folgende „Gurkha Djungel“, bei dem man immer wieder in Brusthöhe Gräben springen musste, lebte von seinen zahlreichen Wiederholungen, was an der Substanz zehrte. Nach weiteren Netzen bog die Strecke in die „Killing Fields“ ein. Dabei wurden ein paar Hindernisse wie „The Plunge“, die „Water Tunnels“ oder der „Dragon Pool“ des Original Tough Guy ausgespart. Ansonsten standen annähernd alle Hindernisse auf dem Programm.

Nach 1:54 waren die ersten 10,5 Kilometer geschafft. Die zweite Runde wartete noch einmal mit dem selben Programm auf. Zu diesem Zeitpunkt war das Läuferfeld der rund 50 Marathonteilnehmer schon recht ausgedünnt. Teilweise waren noch die rund 200 Halbmarathonläufer auf dem Feld. Wenn es sich ergab, nutzte ich die Verpflegungsstationen für einen kleinen Small Talk mit den Helfern.
Wir redeten über die Strecke, das Wetter und oder den fehlenden Whiskey am Verpflegungsstand. Nach der zweiten großen Runde hatte ich 21 Kilometer in rund 4 Stunden hinter mich gebracht. Halbmarathon :-).

Tough Chicken versus „Killing Fields“

Zu Beginn der dritten Runde erfuhr ich einen kleinen körperlichen wie auch mentalen Einbruch. Die beiden Runden steckten mir in den Knochen, und da sich nur noch wenige Läufer auf der Strecke tummelten, wurde es quasi zu einem einsamen Kampf gegen die „Killing Fields“. Insbesondere beim Kriechhindernis „Vietcong Tunnels“ machte sich die steigende Rundenanzahl bemerkbar. Ein um’s andere mal durch die engen Röhren zu kriechen zehrte an den Kräften. Wo sich sonst zahlreiche, laut schreiende Mitstreiter tummelten herrschte jetzt gespenstische Ruhe. Eine ganz neue Erfahrung nach zuvor 5 erlebnisreichen Tough Guy Schlachten. 5 Stunden und 38 Minuten später ging es in die vierte Runde. Das Ende rückte näher, was mich neue Kräfte mobilisieren ließ. Und immer wieder die „Rabbit Hills“. Eine Tortur, die immer zäher wurde. Gegen Ende der vierten Runde nahm ich wahr, dass die TG Marshalls an den Hindernissen ihren Posten verließen. Allerdings dachte ich mir nichts dabei, da einer meinte, sie würden die Stellung halten bis wir fertig sind.

Der Kampf um die letzte Runde

Als ich nach 7:11 im Zielbereich zu meiner letzten Runde aufbrechen wollte, 35 Kilometer lagen hinter mir, wollte mir ein Helfer eine Medaille überstreifen. Ich meinte zu ihm, dass ich noch eine Runde laufen müsse. Die Zeitnehmerin offenbarte mir, dass das Rennen zu Ende sei, das Zeitlimit von 7 Stunden sei überschritten. WTF. Was für ein Zeitlimit? Hatte ich etwas nicht gelesen. Nach der ganzen Plackerei sollte Schluss sein? Ich bin angetreten, um die 42 Kilometer zu absolvieren. War ich sauer. Nach mir trudelten weitere Läufer ins Ziel, sodass die Crew abgelenkt war. Ich nutze die Gelegenheit und entschwand zur letzten Runde. Da pfiffen mich die Verantwortlichen zurück. Widerwillig ging ich zurück in Zielbereich. Als ich Mr. Mouse by himself erblickte sprach ich mit ihm über die Möglichkeit, den Marathon wie geplant zu Ende zu laufen. Schließlich fühlte ich mich fit und das Wetter war ideal. Nach einer kurzen Diskussion über Haftungsrisiken, die man als Teilnehmer ohnehin selbst trägt, willigte er ein.

Tough Guy Marathon 2015, Streckenführung
Streckenführung Tough Guy Marathon 2015

Der beste Support ever

Mit einer gehörigen Wut im Bauch machte ich mich auf zur letzten Runde. Im Nachhinein konnte ich mich sogar glücklich schätzen, denn der Zwischenfall setzte bei mir noch einmal ungeahnte Kräfte frei. Wie ich bei den „Rabbit Hills“ feststellte war noch ein weiterer Läufer nach mir zu seiner Finalrunde aufgebrochen. An der Verpflegungsstation „Rabbit Hills“ begegnete mir eine Helferin, die eine Plastiktüte mit sich trug, wieder. Augenscheinlich war sie einkaufen gewesen und bot mir Schoko- und Marshmallowriegel zur Stärkung an. Sie meinte das wäre Zucker pur. Großartig diese Fürsorge. Während wir uns unterhielten verdrückte ich einen Schokoriegel, während ich das Marshmallowpendant für schlechte Zeiten bunkerte. Langsam warf die Sonne immer längere Schatten auf die „Killing Fields“. Dies veranlasste mich dazu, mein Tempo zu steigern, denn mit den Schatten hielt auch die Kälte schleichend Einzug.

Am „Gallipoli Beach Mud Trap“ traf ich einige TG Marshalls, die mich weiter anfeuerten. Sie wollten mich dazu bewegen, das Wasserbassin zu umgehen, da es schon gesperrt sei. Ich dankte für den Hinweis, wollte aber die vollen 42 Kilometer schaffen. Also ab durch das Wasserbecken zur nächsten Verpflegungsstation, wo meine Limoflasche aus Runde 4 auf mich wartete. Ein paar Schluck später landete sie im Müll und ich machte mich auf die letzten Kilometer zu bezwingen. Die Rohre in der „Vietcong Torchure Chamber“ verlangten noch einmal die Mobilisierung der letzten Kräfte. Es schien, als wollten sie dieses mal nicht enden. Doch nach einigen Mühen lagen sie hinter mir. Da wußte ich. That´s it. Nur noch ein paar Kilometer trennten mich nun vom Ziel. Die restlichen Hindernisse schienen nun ein Kinderspiel. Als ich die „Flanders Fields“ erreichte begleiteten mich die johlenden TG Marshalls mit einer zweier Autokolonne bis zum „New Sting Anaconda Snakes Up“. Mehr Unterstützung konnte ich wahrlich nicht erwarten. Die letzten Meter vergingen wie im Fluge und den Tränen nahe erreichte ich das Ziel. Die Uhr zeigte nach 42 Kilometer Schinderei 8:37:34. Unglaublich. Gerade als ich das Ergebnis fotografisch festhalten wollte erlosch die Uhr. Die TG Marshalls und alle Helfer, die noch anwesend waren, lachten sich tot. Da hat wohl jemand zu voreilig die Uhr abgeschaltet. Egal. Auch eine leeres Uhrendisplay hat eine gewisse Symbolkraft. Selbst die Uhr hat also schlapp gemacht. Per Handschlag bedankte ich mich bei allen anwesenden Helfern. Vor lauter Erschöpfung und Glücksgefühlen floßen sogar ein paar Tränen. So ein Lauf, der mich an meine physische und psychische Grenzen führte, hatte ich noch nie erlebt. Mein erster Marathon, mit zahlreichen Hindernissen, war geschafft.

Tough Guy Marathon 2015, Tough Chicken Dead Leg Swamp
Geschafft
Tough Guy Marathon 2015, Ergebnisse
Ergebnisliste Tough Guy Marathon 2015

Fazit: Der Tough Guy Marathon ist nicht zu vergleichen mit dem Original Ende Januar. So stellt er ganz andere Anforderungen an Körper und Geist. Im Hinblick auf die Dauer des Wettkampfs sind diese höher einzuschätzen. Richtig vergleichbar sind sie dennoch nicht, da die Witterungsverhältnisse im Januar eine entscheidende Rolle für das Durchkommen spielen. Allerdings ist das Zeitlimit von 7 Stunden zu gering. Lediglich 6 von 50 Läufern sind unter dem Zeitlimit geblieben, nur 21 haben die komplette Marathondistanz absolviert. Selbst wenn ich keine Fotos gemacht hätte und keinen Small-Talk gehalten hätte, wäre es innerhalb der 7 Stunden sehr eng geworden. Da müsste man sich seitens Mr. Mouse noch einmal Gedanken machen. Wer jedoch eine Grenzerfahrung erleben möchte, dem kann ich den Tough Guy Marathon nur ans Herz legen. Eine Erfahrung, die man nie mehr vergessen wird. Versprochen.

Euer
TC

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